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Business-Coaching in Familienunternehmen

Was ist hier besonders, was ist zu beachten? 

Coaching als individuelles Beratungsformat für Führungskräfte und das Top-Management genießt in der Privatwirtschaft wie auch in Politik und öffentlichen Dienstleistungsorganisationen seit drei Jahrzehnten eine wachsende Akzeptanz und Nachfrage.

 

Doch auf welche besonderen Herausforderungen stößt eigentlich ein Business-Coach, wenn er in Familienunternehmen arbeitet? Schließlich verantworten familiengeführte Unternehmen mit über 80 Prozent Beteiligung am BIP einen Löwenanteil der Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft.

System Familienunternehmen

Als Coach für Familienunternehmen hat man es immer zeitgleich mit zwei gekoppelten Systemen mit je eigenen, oftmals widersprüchlichen inneren Rationalitäten zu tun, die zu sogenannten „pragmatischen Paradoxien“ (vgl. F.B. Simon, 2012) führen: Was in dem einen System als richtig und funktional gilt, ist im anderen System hinderlich oder gar falsch. Dies bei meiner beraterischen Tätigkeit immer im Blick zu behalten und im Sinne von Momentaufnahmen zu „lösen“, ist eine spannende Herausforderung: sowohl als systemischer Coach und Organisationsberater wie auch als Psychotherapeut mit inzwischen drei Jahrzehnten Erfahrungsschatz im Umgang mit Unternehmens-, Familien- und individuellen Psychodynamiken.

Strukturelle und kulturelle Besonderheiten

Familienunternehmen und ihre -mitglieder haben ein sehr eigenes Selbstverständnis und einen anderen, verantwortungsvolleren und persönlicheren Blick auf die Zeitdimensionen Vergangenheit und Zukunft als Firmen ohne familiäre Bindungen: Personelle Verantwortung, Tradition, Loyalität, familiär geprägte Unternehmenskultur, Autonomiebestrebungen bei gleichzeitigem Eingebundensein in regionale, politische und kulturelle Strukturen kennzeichnen beispielhaft die DNA vieler Familienunternehmen unterschiedlicher Generationenfolge. Dieser Umstand beeinflusst auch die Zusammenarbeit mit einem Coach. Der Coach ist oft mehr als ein individueller Berater eines Management-Mitglieds. Er kann zum Berater der Unternehmerfamilie werden und muss immer wieder den schmalen Grat zwischen persönlichem Profil, Neutralität und Allparteilichkeit justieren.

Herausforderungen für den Coach

Das macht die Aufgabe als Coach in Familienunternehmen komplex, reizvoll und zugleich herausfordernd. Manchmal ist das Hinzuziehen eines Kollegen-Netzwerkes hilfreich, wenn der Komplexität der Beziehungen im Firmenleitkreis und der Komplexität des Beratungsauftrags ein entsprechend komplexes und diverses Beratungsteam und -angebot gegenübergestellt werden soll. Hierbei kann dann in der Gender- und Altersstruktur des Beraterteams auch die entsprechende Generationenstruktur des Managements gespiegelt werden.

Welche Beratungsanlässe gibt es in Familienunternehmen?

Ein wichtiger Anlass für Coaching ist die Vorbereitung von Stellenneubesetzungen, wichtiger noch, die Nachfolgeregelung. Hier wird leider zu oft sehr spät eine unabhängige, externe Beraterperspektive hinzugezogen, da das Eigentumsthema meist als das private Thema des Familiensystems schlechthin angesehen wird. Dabei birgt die Frage der Nachfolge sowohl für den Eigentümer als auch bei der Besetzung von Schlüsselpositionen im Management wegen der Problematik „nehmen wir ein Familienmitglied oder suchen wir einen Fremdmanager?“ ein hohes Konfliktpotenzial und blinde Flecken bei den beteiligten Entscheidern.

 

Durch die enge Koppelung von Familien- und Unternehmenssystem besteht aber auch allgemein die Gefahr, aufgrund einer fehlenden Diversität in der Wahrnehmung der Realität außerhalb der Grenzen des Unternehmens Entscheidungen auf einer zu engen Datenbasis zu treffen. Hier bietet sich Coaching als ergänzende Fremdperspektive an, sowohl auf der Sachebene (andere Wahrnehmungsinhalte und Informationen) als auch auf der Prozessebene (Gestaltung von Entscheidungsprozessen).

 

Schließlich führt die Koppelung der beiden Systeme mit ihren unterschiedlichen Systemlogiken und die damit einhergehenden, bereits erwähnten pragmatischen Paradoxien dazu, dass Konflikte auf Dauer gestellt werden und in der Zeit immer wieder situativ betrachtet und entschieden werden müssen. Das braucht Bewusstheit, Ambiguitätstoleranz, Reflexion und Justierung, wofür eine vertrauensvolle Coaching-Beziehung hilfreich ist. Nicht zuletzt deshalb sind Beratungsaufträge in Familienunternehmen daher nach meiner Erfahrung oft geprägt von großer Kontinuität, persönlichem Vertrauen und einer starken sachlichen wie menschlichen Bindung.

 

 

Literatur:

Fritz B. Simon (2012). Einführung in die Theorie des Familienunternehmens. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.

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